Die Orgel im Jahr 1930

Geschichte

Die große Orgel der Auenkirche - ihre Geschichte

Ein Jahr nach Fertigstellung der Auenkirche 1897 wurde die Orgel eingeweiht. Die Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer aus Hannover hatte sie gebaut. Das Geld dafür wurde von dem Wilmersdorfer Gutsbesitzer Christian Blisse gestiftet. Die Orgel hatte damals zwei Manuale und eine Pedalreihe mit insgesamt 41 Registern (Klangfarben). Der Spieltisch stand damals direkt am Orgelgehäuse, die Luft zum Spielen musste noch durch Muskelkraft erzeugt werden; acht Jahre später wurde ein elektrisches Gebläse eingebaut. In den frühen 20er Jahren des 20. Jahrhunderts stiegen die Ansprüche an die Klangmöglichkeiten der Orgel, 62 Register sollten es sein. Wieder wurde die Firma Furtwängler & Hammer beauftragt. Sie übernahm aus der alten Orgel das Gebläse, etliche Pfeifen und den Prospekt der Orgel. Aus diesem mussten allerdings die wertvollen Zinnpfeifen schon 1917 zu Kriegszwecken abgegeben werden, sie wurden durch billige Blechkopien ersetzt. Die neue Orgel wurde 1924 eingeweiht. Die Disposition, also die Zusammenstellung der Klangfarben, stammte von dem damaligen Kirchenmusiker an der Auenkirche Rudolf Meimberg, der auch in den folgenden Jahren dafür sorgte, dass die Orgel gut gepflegt und erweitert wurde. 1928 schon wurde die Orgel wieder umgebaut, diesmal nach den neuen Klangprinzipien der sog. Orgelbewegung, die sich den hellen Klang der Barockorgel auf die Fahnen geschrieben hatte, im Gegensatz zur dunkleren Klangfärbung der Romantik.
Im zweiten Weltkrieg erlitt die Orgel etliche Schäden, konnte aber im Gegensatz zu vielen anderen Instrumenten in Berliner Kirchen repariert werden. So wurde auch das  Klangbild der Orgel weitgehend erhalten. Nach ersten Arbeiten Ende der 40er Jahre kümmerte sich der junge Orgelbauer Dieter Noeske nun um die Auen-Orgel. Zusammen mit dem Organisten Werner Ingo Schmidt verhalf er etlichen Registern zu anderen Klängen und fügte ein neues Manual, heute das erste, hinzu. Außerdem wurde ein neuer fahrbarer Spieltisch aufgestellt. So wurde die Orgel 1961 mit nun 78 Registern auf vier Manualen und Pedal und über 6000 Pfeifen wieder eingeweiht. Sie war nun eine der größten in Berlin. Zahlreiche Rundfunkaufnahmen wurden auf ihr eingespielt. Unter dem Kantor Romo Feldbach wurde die Orgel 1984-86 gereinigt, schadhafte Technik repariert und der Prospekt restauriert. 
KMD Jörg Strodthoff führte das Werk seiner Vorgänger fort, indem er 2001 einen großen Orgelausbau konzipiert hat. Einige geplante Register konnten eingebaut werden, andere harren noch der Verwirklichung.

Eine Pfeifenorgel funktioniert mit Luft (die Orgelbauer sprechen von Wind), die heute meistens durch ein elektrisches Gebläse erzeugt wird. Das war früher anders. Für den nötigen Wind schwitzten am Blasebalg die Bälgetreter. Das waren meistens Konfirmanden. Mit einer kleinen Klingel signalisierte ihnen der Organist am Spieltisch ihren Einsatz. Bevor er anfangen konnte zu spielen, mussten die Kinder solange treten, bis der Magazinbalg voller Luft war. Dann strömte auf Tastendruck ein gleichmäßiger Wind in die Pfeifen. Danach musste der Kalkant, wie der Bälgetreter auch genannt wird, durch Treten dafür sorgen, dass der Magazinbalg gefüllt blieb, solange der Organist spielte. Diesen Magazinbalg gibt es noch immer, nur dass er heute durch einen Elektromotor gefüllt wird. Der Wind wird aus dem großen Magazinbalg über hölzerne Kanäle in die Windladen geleitet, auf denen die Pfeifen stehen. Die Pfeifen, die zu einem Register gehören, stehen auf einer gemeinsamen Windlade. Damit nicht alle Pfeifen gleichzeitig klingen, ist ein kompliziertes technisches Regelwerk nötig: Zunächst wählt der Organist am Spieltisch ein Register aus und zieht es. Dadurch wird ein Ventil geöffnet, der Wind strömt in die jeweilige Lade. Wenn der Organist dann eine Taste drückt, wird ein elektrischer Impuls ausgelöst, der über einen Magnetschalter ein Ventil in der Windlade öffnet. Dieses Ventil ‒ eine sogenannte Tasche, deshalb nennt man diese Art Windlade auch Taschenlade ‒ ist ein kleines Bälgchen aus Holz, feinem Ziegenleder und Pappe. Durch den Tastendruck öffnet sich das Ventil, der Wind kann in die Pfeife strömen, der Ton erklingt. Lässt der Organist die Taste los, schließt es sich wieder. Da dieser Vorgang oft sehr schnell geht, muss das Material dieser Ventile sehr leicht und beweglich sein. Das dünne Leder ist nach etwa 20 Jahren verschlissen und muss ersetzt werden, sonst werden die Taschen undicht. Dann kommt es zu sogenannten „Heulern”, das heißt, die Pfeifen klingen nicht erst bei Tastendruck, sondern schon dann, wenn das Register gezogen wird.

Bei den Orgelklängen spielen die Größe, die Gestalt und das Material, aus dem die Pfeife gebaut wurde, eine Rolle. Von der Pfeifengröße hängt ab, wie hoch oder tief eine Pfeife klingt. Oder, wie ein Orgelbauer einmal bemerkte: „Die Bässe sind die größten Pfeifen!“ Diese Länge wird in einem altertümlichen Maß, dem Fuß (entspricht ca. 30 cm), angegeben. Wenn bei einem Register (Pfeifenreihe), das mit 8‘ (Fuß) bezeichnet ist, das eingestrichene c gespielt wird, dann klingt auch das c‘. Eine doppelt so lange Pfeife, also 16‘, klingt eine Oktave tiefer, eine halb so hohe, also 4‘, eine Oktave höher, und so weiter. In der Auen-Orgel gibt es Register mit 1‘, aber auch solche mit 32‘. Nun wäre eine solche Pfeife fast 10m lang, dafür ist das Gewölbe der Auen-Kirche über der Empore nicht hoch genug. Man behilft sich, indem man die Pfeifen deckelt. Das führt dazu, dass die Luft in der Pfeife nach oben bis zum Deckel und wieder nach unten strömt. Dadurch hat man die ganze Luftsäule in der Pfeife, braucht aber nur die halbe Länge; so passt die Pfeife in das Orgelgehäuse. Ein Register umfasst normalerweise alle Töne eines Manuals, insgesamt 58 Töne, man braucht also 58 Pfeifen pro Klangfarbe. Manche Register, die sogenannten Mixturen, besitzen pro Ton bis zu sieben Pfeifen.
Die meisten Pfeifen in der Auen-Orgel sind Labial-Pfeifen. Diese Pfeifen nennt man so, weil der Ton über eine Spalte und das darüber liegende Labium, die Lippe, erzeugt wird. Der unterschiedliche Klang entsteht durch das Material der Pfeife, Metall oder Holz, und die vielfältigen Formen der Röhren. Das Prinzipal-Register mit den langen geraden Pfeifen, das im Prospekt steht, hat einen recht kräftigen Klang. Baut man die Röhre weiter, ergibt das einen flötenartigen Klang; mit einem Deckel klingen sie etwas weicher und dumpfer, man nennt sie Gedackt. Wenn die Pfeife sehr schmal ist, wird der Klang schärfer. Lässt man die Röhre nach oben spitz zulaufen, ergibt das einen Klang, der an Schalmeien erinnert oder an den Klang von Tierhörnern, weshalb solche Register auch Gemshorn heißen. Wird sie nach oben weiter, dann klingt die Pfeife weich und etwas süßlich, das kommt in dem Namen Dulzian gut zum Ausdruck.

Neben den Labial-Pfeifen sind die Zungen-Pfeifen wichtig. Sie bestehen aus einem Becher, in dem eine Metallzunge (meist aus Kupfer oder Messing) über einer abgeflachten Metallröhre vom Wind in Schwingungen versetzt wird. Dadurch entsteht ein oft etwas schnarrender Ton. Der Klang hängt davon ab, welche Form die Pfeife über dem Becher hat. Die Register klingen teils sehr stark, das sind die Trompeten und Posaunen in der Orgel, teils gedämpfter, etwa wie Fagott und Klarinette; sie können aber auch dumpf schnarren wie das Rankett, ein Vorgänger des Fagotts, oder das Krummhorn. Oder sie schmeicheln sich ein wie die Oboe und das Englisch Horn. In manchen Orgeln ist auch die Vox humana, also ein Register, das der menschlichen Stimme ähnlich sein soll, eine solche Zungenstimme. Spanische Trompeten, das sind Zungen-Pfeifen, die waagrecht aus dem Orgelgehäuse in die Kirche ragen und besonders schmetternd klingen, gibt es an der Auen-Orgel nicht, aber zum Beispiel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Sie wurden in Spanien im 16. Jahrhundert zum ersten Mal gebaut.
In der Auen-Orgel gibt es einige Register, die manchem vielleicht etwas seltsam vorkommen. Da liest man Namen wie Nachtigall, Zimbelstern oder Röhrenglocken. Das sind Register, die unter den etwas abfälligen Oberbegriff „Schnurrpfeifereien“ fallen. Am bekanntesten dürfte der Zimbelstern sein. Man sieht oben an der Orgel einen Stern sich drehen, wenn er erklingt. Dahinter verbirgt sich ein Glockenspiel, bei dem Glöckchen mit einem rotierenden Hammer angeschlagen werden. In der Auen-Orgel ist der Zimbelstern besonders komfortabel, weil man die Geschwindigkeit verändern kann. Die Nachtigall klingt wie Vogelgezwitscher; mit ihr kann man Liedertexte untermalen, in denen Nachtigallen oder Lerchen vorkommen. Sie besteht aus einem wassergefüllten Becher, in das eine kleine Pfeife getaucht ist. Schaltet man sie ein, wird der Wind in die Pfeife und dadurch ins Wasser geleitet, durch das Sprudeln entsteht das Zwitschern.  Röhrenglocken sind metallene Röhren, die in bestimmten Tonhöhen gestimmt sind und von Hämmern angeschlagen werden. Alle diese Register dienen dazu, die Musik besonders festlich und farbig klingen zu lassen.
Spielhilfen sind der Tremulant und der Schweller. Beim Tremulant wird der Wind, der die Pfeifen zum Erklingen bringt, durch eine kleine Klappe im Windkanal regelmäßig abgeschwächt, so dass ein tremolierender Effekt entsteht wie beim Gesang oder einer gefühlvoll gespielten Geige. Der Tremulant wirkt auf das Manual, in dem er eingebaut ist, ebenso wie der Schweller. Dabei stehen die Pfeifen in einem Kasten, dessen Vorderseite durch senkrechte Holzlamellen zu öffnen ist. Diese Lamellen kann der Organist durch eine Wippe mit dem Fuß bewegen. Sind sie geschlossen, klingen die Töne leiser. In der Auen-Orgel stehen die Pfeifen des dritten und vierten Manuals in jeweils einem solchen Kasten. Eine andere Form des Schwellers ist der Registerschweller. Mit dieser auch „Walze“ genannten Spielhilfe, die man mit den Füßen bedient, kann man die einzelnen Register nacheinander in einer festgelegten Reihenfolge zuschalten bis hin zur vollen Orgel, dem sogenannten Tutti.

Die große Orgel in der Auenkirche ist nicht die erste Orgel am „Alten Ort“, wie die Kirche früher genannt wurde, als ganz Wilmersdorf noch eine Gemeinde mit verschiedenen Predigtstellen war. In der barocken Dorfkirche stand eine Orgel mit sechs klingenden Stimmen, sie wurde kurz vor Weihnachten 1845 aufgestellt. Einige Monate später fand man jemand, der sie spielen konnte. Nach dem Bau der neuen Kirche musste die alte Kirche auf Befehl des Kaisers abgerissen werden, die Orgel kam in ein Dorf bei Graudenz in Westpreußen.
Erster Organist und Chorleiter an der neuen Orgel der Auenkirche wird der Lehrer Friedrich Finke, er amtiert bis 1920. Ihm folgt ab 1921 Rudolf Meimberg. Sein Orgelspiel wurde allgemein als überragend gelobt. Er veranlasste den Ausbau der Orgel auf drei Manuale und über 60 Register; auch die musikalischen Wochenschlussandachten führte er ein, bei denen fast 20 Jahre lang samstags um 20.30 Uhr unter einem bestimmten Motto musiziert und gesungen wurde. In Anbetracht seiner Verdienste um die Kirchenmusik erhielt er 1932 den Titel Kirchenmusikdirektor, obwohl er offiziell nur im Nebenamt wirkte. Hauptamtlich war er Gesangslehrer an einem Gymnasium in Wilmersdorf. Nach 350 Wochenschlussandachten gibt er die Stelle im Oktober 1934 auf. Ein nur kurzes Intermezzo an der Aue gibt von 1935 bis 1937 Günter Weißenborn, der in Berlin Kirchen- und Schulmusik studierte und sich später einen Namen als Liedbegleiter, unter anderem von Anneliese Rothenberger und Hermann Prey, gemacht hat. Die Gemeinde bedauert seinen Weggang außerordentlich. Weißenborns Studienfreund Werner Ingo Schmidt wird zunächst kommissarisch angestellt. 1938 legt er die Prüfung an der Hochschule für Kirchenmusik in Berlin ab und erhält Anfang 1939 die Stelle an der Auenkirche. Im Mai 1945 wird ihm wie allen anderen Mitarbeitern der Wilmersdorfer Gemeinde gekündigt, Schmidt arbeitet zunächst in Husum und Eckernförde. Als „seine“ Stelle 1949 wieder ausgeschrieben wird, bewarb er sich und bekam sie erneut. Unter seiner Ägide blühte die Kirchenmusik an der Auenkirche auf, es gab mehrere Chöre, Oratorien-Aufführungen und viele Orgelkonzerte. Schmidt war weithin bekannt für seine Improvisationskunst. 1968 wurde Schmidt zum Kirchenmusikdirektor ernannt. 1971 stirbt er überraschend mitten aus seiner Arbeit heraus. Nachfolger wurde Berend Bergner. Er setzte zunächst die erfolgreiche Arbeit fort; die Kantorei wurde mit dem Chor der Lukas-Kirche in Steglitz zur Lukas-Auen-Kantorei fusioniert. Ende 1981 ging Bergner an die Hohenzollern-Gemeinde. Überlegungen wurden laut, die A-Kirchenmusikerstelle in der Auen-Gemeinde nach B herabzustufen, das konnte die Gemeindeleitung jedoch verhindern. Anfang 1982 kam Romo Feldbach von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, er brachte damals eine ganze Kantorei und den Bläserkreis mit. Während seiner Amtszeit wurde die große Orgel gründlich überholt. Ende 1988 ging er in den Ruhestand und ist 2009 hochbetagt gestorben. Seine Arbeit wurde fortgesetzt von Jörg Strodthoff. Er sorgte für einen weiteren Ausbau der Orgel und einen neuen Spieltisch. Auch ihm wird für seine Verdienste 2006 der Ehrentitel Kirchenmusikdirektor verliehen. Nach kurzer schwerer Krankheit starb er 2013 unerwartet. 2014 trat Winfried Kleindopf den Dienst als Kirchenmusiker in der Auenkirche an; ihm fällt nun die Aufgabe zu, die dringend nötige Sanierung der Orgel zu konzipieren, damit die Orgel in all ihrer romantischen Klangpracht bald wieder erklingen kann.